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"Die Abenteuer meines Prinzen Achmed"

Text: Lotte Reiniger

Seit Jahrhunderten hatte der Prinz Achmed mit seinem Zauberpferd als Märchenfigur in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht ein behagliches Dasein geführt und war beliebt, glücklich und zufrieden. Aus diesem Frieden wurde er eines Tages aufgeschreckt, als eine Filmgesellschaft auf die Idee kam, seine und viele weitere Abenteuer aus derselben Quelle zu einem Trickfilm zu verwenden. Zu diesem Zwecke musste er, wie viele seiner unglücklichen Schicksalsgenossen aus anderen literarischen Gebieten, "umgeboren" werden. Und zwar noch gründlicher als dies sonst bei anderen Verfilmungen üblich ist, wo man Darsteller zu finden sucht, die einigermaßen dem Charakter, um den es in der Geschichte geht, entsprechen und sie mit der Rolle betraut. Denn es sollte ein Silhouettenfilm werden, weil der Hersteller, der von dieser Idee besessen war, nämlich ich, nichts anderes konnte als Silhouettenfilme machen. Das waren Filme, deren Darsteller bewegliche Schattenfiguren waren, die auf einer von unten beleuchteten Glasplatte spielten und von oben her Bild für Bild aufgenommen wurden, daher der Name Trickfilme. Bisher hatte ich nur zehn Minuten lange Filme dieser Art gemacht, aber die Abenteuer dieses Prinzen sollten über eine Stunde dauern und so mussten für das Manuskript noch viele andere Motive aus dem reichen Schatz von Tausendundeiner Nacht, die sich besonders für diese Art fantastischer Filmgestaltung eigneten, herhalten. Prinz Achmed selber musste zunächst körperlich erfunden, gezeichnet, geschnitten, beweglich gemacht, beleuchtet, bewegt und aufgenommen werden.

Die Abenteuer des Prinzen Achmed

Das geschah dann auch in Berlin in den Jahren 1923-1926; solange dauerte es nämlich, bis der Film fertig wurde. Warum? Weil für solch einen Film für jede Sekunde 24 einzelne Bildchen aufgenommen werden müssen. Es sei den algebraischen Fähigkeiten des Lesers überlassen, zu errechnen, wieviele dann für ein Opus von über einer Stunde Länge vonnöten sind.

Und nicht nur darum. Es mussten auch, wie sich im Lauf der Arbeit herausstellte, unentwegt neue Erfindungen gemacht und ausprobiert werden, um der fantastischen Handlung zu entsprechen. Je länger die Aufnahmen für Prinz Achmed dauerten, desto anspruchsvoller wurden seine Wünsche. Der Trickfilm stak damals noch in seinen Kinderschuhen, es gab noch keine Mickey Mouse. Wohl aber gab es vereinzelte Künstler, die eigene Wege gingen, wie Walter Ruttmann mit seinen abstrakten Opera u.a. Doch da hatte Prinz Achmed Glück. Es gelang Künstler wie Ruttmann und Bartosch für die Mitarbeit an diesem Film zu gewinnen.

Der junge Berliner Bankier, von dem die Idee ausging, einen abendfüllenden Trickfilm herzustellen (ein damals unerhörtes Unterfangen), richtete uns ein Atelier ein und ließ uns darin nach Herzenslust experimentieren.
Wir: Das waren mein Mann Carl Koch, ich, Walter Ruttmann, Berthold Bartosch, Alexander Kardan und Walter Türck. Koch hatte die Aufnahmeleitung und Kontrolle der Technik, ich schnitt die Figuren und Dekorationen aus und bewegte sie, assistiert von Kardan und Türck. Ruttmann erfand und gestaltete wundervolle Bewegungen für Wolken, feuerspeiende Berge, Geisterschlachten und Zauberkämpfe. Bartosch komponierte Wellenbewegungen für einen Seesturm (heutzutage selbstverständlich, aber damals war es neu).

Wir fingen zuerst bescheiden in schwarz-weiß an, dann wurden die Hintergründe reicher, mehr und mehr Figuren spielten gleichzeitig. Die Bewegungen wurden besser, die Absichten kühner, kurz, das Ganze immer vollkommener.

Die Abenteuer des Prinzen Achmed

Obwohl wir uns noch in der Stummfilmzeit befanden, haben wir vom Anbeginn mit dem Musiker Wolfgang Zeller zusammengearbeitet, der uns Märsche oder Glockenspiele komponierte. Wir versuchten, die Szenen im Rhythmus der Musik aufzunehmen, damit später, wenn der Film mit Orchester aufgeführt wurde, ein synchroner Effekt zustande käme. So kamen Prinz Achmed und seine Abenteuer zustande.

Im Mai 1926 fand in der Volksbühne in Berlin zum ersten Male, und ich bin glücklich zu sagen, mit großem Erfolg, eine Aufführung statt. Im Juli darauf erlebte er seine Premiere in Paris, im Théâtre des Champs Elysées, und später im September im Gloria Palast in Berlin. Da das Negativ der Schlacht um Berlin zum Opfer gefallen war und der Film als Stummfilm ohnehin brach lag, war es erst jetzt möglich, aus einem Doppelnegativ, welches das Britische Filminstitut bewahrt hatte, neue Kopien herzustellen und den Film mit neuer Musik zu versehen, diesmal von Freddie Philips. Dabei ging es auch diesmal im Achmedschen Sinne fantastisch zu: der Direktor der Gesellschaft, die diese Renaissance bewerkstelligt hat, ist der Sohn eben des Bankiers, der seinerzeit den Film finanzierte. So ist es Prinz Achmed vergönnt, nach fast einem halben Jahrhundert eine fröhliche Auferstehung zu erleben.

Lotte Reiniger, London 1972

 

Anmerkung: Bei der erwähnten Ton-Filmkopie handelt es sich um eine Restaurierung, die im 16mm-Format im Verleih war. Im Jahr 1999 - anlässlich Lotte Reinigers 100. Geburtstag - wurde eine vollständige Restaurierung auf der Grundlage historischer Unterlagen und neuester Kenntnisse vom Deutschen Filmmuseum Frankfurt in Kooperation mit Arte und BFI London hergestellt; die 35mm-Kopie (stumm) ist im Verleih des DIF und mit der Originalmusik als DVD verfügbar - siehe "Verleih und Vorführrechte".