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Lotte Reiniger (1899 - 1981)

Porträt einer Filmpionierin

Lotte Reiniger

Mit dem Silhouettenfilm "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" gestaltete Lotte Reiniger von 1923-1926 - also noch zehn Jahre vor Disneys erstem Langfilm "Schneewittchen" (1937) - den ersten langen Trickfilm der Filmgeschichte und entwickelte Technik sowie Ästhetik dieses Genres bereits in den 20er Jahren zur künstlerischen Perfektion. Dennoch ist ihr Werk einem großen Publikum lange Zeit unbekannt geblieben.

Vorweg kurz ein paar Worte zum Begriff Scherenschnittfilm oder - präziser - "Silhouettenfilm". Dieser Begriff beruht auf einem Spitznamen: Als im Frankreich des 17. Jahrhunderts der Finanzminister Marquis de Silhouette den Verschwendungen des Hofes mit scharfen Sparmaßnahmen begegnete, nannte man alles, was Einschränkungen bedeutete, "Silhouetten". So auch die damals herrschende Mode, Profilporträts aus schwarzem Papier auszuschneiden, was eine erheblich preiswertere Methode war als die gemalten Miniaturen. Fortan hießen diese Scherenschnitte "á la Silhouette".

Lotte Reiniger, geb. am 2. Juni 1899 in Berlin-Charlottenburg, wächst in einer gutbürgerlichen Umgebung auf. Schon als Kind ist sie künstlerisch interessiert und erzählt über diese Zeit: "Mein Vater nahm mich oft mit zu seinen Freunden in deren Ateliers in der Kunstakademie und so erwachte mein Interesse an den optischen Künsten sehr früh. ... Mein Enthusiasmus für Shakespeare veranlasste mich, ein einfaches Schattentheater zu konstruieren, um Szenen aus den Stücken daraus zu spielen." Damit tritt sie vor der Schulklasse auf.

Aber auch für den Film, die damals neue "siebte Kunst", begeistert sie sich und als Fünfzehnjährige hat sie ein Erlebnis, das ihren Lebensweg prägen sollte: "Am Ostersonntag 1915 hörte ich in der Singakademie einen Vortrag von Paul Wegener, dessen Filme 'Der Student von Prag' und 'Der Golem' mich aufs Äußerste begeistert hatten. Dieser Vortrag, in dem Wegener die fantastischen Möglichkeiten des Trickfilms hervorhob, entschied meine Zukunft. Ich war entschlossen, an diesen großen Mann heranzukommen. "

Paul Wegener ist zu jener Zeit ein Star an Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin. Lotte Reiniger weiß, dass man nur über dessen Schauspielschule an dieses berühmte Theater kommt und überredet schließlich erfolgreich ihre Eltern: "Um Aufmerksamkeit zu erregen, schnitt ich von den Schauspielern in den charakteristischen Gesten ihrer Rollen Silhouetten, erfreute mich alsbald einer großen Beliebtheit und weckte auch das Interesse von Wegener." So bekommt sie 1918 ihren ersten Filmauftrag: die Gestaltung der Zwischentitel im Scherenschnitt für Wegeners "Rattenfänger von Hameln". Durch ihn kommt Lotte Reiniger in Kontakt zu einem Atelier für experimentelle Animationsfilme; unter dem Namen "Institut für Kulturforschung" ist es von einer Gruppe junger Künstler und Wissenschaftler unter Leitung von Hans Cuerlis gerade eröffnet worden. Im Dezember 1919 macht sie dort ihren ersten eigenen Silhouettenfilm, "Das Ornament des verliebten Herzens", der lange als verschollen galt und erst vor Kurzem, im Rahmen der Recherche für die DVD-Gesamtedition, wieder entdeckt wurde. Mit der Gestaltung von Silhouettenfilmen hat Lotte Reiniger ihre Lebensaufgabe gefunden. Der Weg über das Theater zum Film ist für sie ein Glücksfall, denn in allen ihren Filmen spürt man den an großen Theateraufführungen geschulten Blick für sorgfältige Inszenierung und dramatischen Aufbau.

lm Institut für Kulturforschung lernt sie Carl Koch kennen. Sie heiraten 1921 und arbeiten fortan eng zusammen: Die spielerische Fantasie Lotte Reinigers findet in dem theoretisch geschulten, perfekten Techniker Carl Koch die ideale Ergänzung und er fungiert bei ihren meisten Filmen als Aufnahmeleiter. 1922 gehen beide - auch aus ökonomischen Gründen - als Lehrer an eine so genannte "Arbeitsschule", eine kleine Privatschule, "in der der Lehrstoff von den Kindern selbst erarbeitet wurde". Dieses Modell hatte der Berliner Bankier Louis Hagen im Garten seines Potsdamer Hauses für seine fünf Kinder und zehn Nachbarskinder eingerichtet. Außer diesem pädagogischen Versuch finanziert Louis Hagen für die Hauslehrerin, deren Talent er bewundert und fördern will, ein kleines Studio in der Nähe, wo der Tricktisch gebaut wird, auf dem in dreijähriger Arbeit "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" entstehen. Mitarbeiter sind neben ihrem Mann Carl Koch der Pionier des Montagefilms Walter Ruttmann ("Berlin, Sinfonie der Großstadt") sowie Berthold Bartosch, Alexander Kardan und Walter Türck.

Weitere Mitarbeiter: die Kinder. Louis Hagen jun., der 30 Jahre später in London als Produzent der Filme von Lotte Reiniger wirkte, erinnert sich: "Das Schöne bei der Lotte war, dass wir Kinder unserem Alter und Begabung entsprechend immer mitmachen durften. Sie gab uns einfache Ausschneideaufgaben und wir durften Scharniere an die verschiedenen Gelenke anbringen. ... Lotte konnte einfach mit Kindern umgehen. Sie sprach nie auf sie herunter, sie spielte mit ihnen, als ob sie ihresgleichen wäre. Sie hatte die Begeisterungsfähigkeit und Vorstellungskraft eines Kindes und den Glauben an das Gute. Wenn ihr etwas nicht passte und sie es als schlecht empfand, sah und hörte sie nicht, schloss sich einfach ab ..."

In der aufstrebenden, lebendigen Kulturszene im Berlin der so genannten "Goldenen Zwanziger" bleibt sie auch weiterhin dem Theater verbunden, gestaltet die Ausstattung für einige Inszenierungen an der Volksbühne, lernt Bert Brecht kennen und andere Zeitgenossen der Avantgarde. Sie dreht mehrere kleine, originelle Werbefilme für Julius Pinschewer (u.a. "Das Geheimnis der Marquise" / Nivea). In den zwanziger und anfangs der dreißiger Jahre entstehen am Trickfilmtisch noch andere, künstlerische Filme, von denen Kopien erhalten geblieben sind: "Aschenputtel" (1922), "Der scheintote Chinese" (1928), "Doktor Dolittle und seine Tiere" (1928), "Zehn Minuten Mozart" (1930), "Carmen" (1933), "Der Graf von Carabas" und "Das gestohlene Herz" (1934) sowie "Papageno" (1935), eine Kurzfassung der "Zauberflöte", von dem Jean Renoir sagte, sie sei die überzeugendste bildnerische Entsprechung zu Mozarts Musik.

Die Themen der Reiniger-Filme sind immer wieder aus Märchen, Mythen und Opernlibretti und sie gesteht: "Ich bin ballett-, film- und theaterbesessen und habe einen Mozart-Fimmel."

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrt Lotte Reiniger Deutschland den Rücken, weil "mir diese Hitler-Veranstaltung nicht passte und weil ich sehr viele jüdische Freunde hatte, die ich nun nicht mehr Freunde nennen durfte". Im Dezember 1935 reist sie zusammen mit ihrem Mann nach London, arbeitet dort für die General Post Office Film Unit, während Carl Koch weiter nach Paris, später nach Rom geht und für Jean Renoir tätig ist. Mit Kriegsbeginn folgt Lotte Reiniger ihrem Ehemann nach Rom, wo sie gemeinsam bis 1943 an Filmproduktionen arbeiten. 1944 verlassen sie Italien und kehrten nach Berlin zu Lotte Reinigers kranker Mutter zurück. Hier, in entbehrungsreicher Zeit und über den Zusammenbruch hinweg entsteht der zehnminütige (unvollendete) Scherenschnittfilm "Die goldene Gans" nach einem Märchen der Brüder Grimm.

Nach ihrer endgültigen Übersiedelung nach London im Jahre 1948 stellt Lotte Reiniger für die Crown Film Unit etliche Kurzfilme her und macht für die Puppenbühne Hogarth Puppets die Ausstattung des Schattenspiels "Happy Prince" von Oscar Wilde. Nach London ist auch Louis Hagen jun. emigriert, der seinerzeit als Kind die Entstehung der Abenteuer des Prinzen Achmed erlebt hatte. Er gründet die Primrose Film Production und Lotte Reiniger beginnt 1953 mit einer umfangreichen Produktion von jeweils zehnminütigen Märchenfilmen, u.a. "Schneeweißchen und Rosenrot", "Der Froschkönig", "Dornröschen", "Kalif Storch", "Däumelinchen", "Hänsel und Gretel", "Der Heuschreck und die Ameise". Für die Märchenadaption "Das tapfere Schneiderlein" erhält sie den Preis "Silver Dolfin" für den besten Kurzfilm bei der Biennale Venedig 1955.

Der Tod ihres Mannes Carl Koch im Jahre 1963 bedeutet einen Einschnitt auch in Lotte Reinigers filmkünstlerische Arbeit.

In Deutschland ist Lotte Reiniger mittlerweile fast vergessen. Erst 1969 kommt sie, aufgrund von Recherchen des Leiters des Kommunalen Kinos Frankfurt, Walter Schobert (später Direktor des Deutschen Filmmuseums), nach Frankfurt und München, wo sie ihre Filme und ihre Kunst in der ihr eigenen verschmitzt-lakonischen Vortragsweise vorstellt. 1972 erfolgt mit der Verleihung des Filmbandes in Gold die längst fällige Anerkennung, 1980 überreicht man ihr in London das Bundesverdienstkreuz, Ehrungen, die für sie selbst nicht wichtig sind.

Bis ins hohe Alter unternimmt sie, oft begleitet von Louis Hagen, Vortrags- und Workshop-Reisen, nach Italien und Frankreich, in die Türkei, durch die USA und Kanada, und begeistert Erwachsene wie Kinder, Lehrer und Filmstudenten - verkörpert sie ja auch mehr als ein halbes Jahrhundert lebendiger Filmgeschichte. In Kanada entstehen noch zwei Silhouettenfilme, für das National Film Board of Canada "Aucassin and Nicolette" sowie 1979 als letzter großer Farbfilm "The Rose and the Ring". 1980 übersiedelt sie nach Dettenhausen bei Tübingen, in das Haus des Pfarrers und Schattenspielers Alfred Happ, wo sie am 19. Juni 1981 stirbt. Das Grab von Lotte Reiniger und Carl Koch befindet sich auf dem Friedhof von Dettenhausen - ihr umfangreicher Nachlass im Stadtmuseum Tübingen, mittlerweile gesichtet und gesichert. Ein Teil der Silhouetten, Fotos, Skizzen und Notizen kann in einer schön präsentierten Dauerausstellung im Stadtmuseum Tübingen besichtigt werden, auch Beispiele der 1971 entstandenen Serie von 146 Scherenschnitten aus den vier Mozartopern "Cosi fan tutte", "Don Giovanni", "Die Zauberflöte" und "Figaros Hochzeit".

lm Laufe ihres künstlerischen Lebens erlangte Lotte Reiniger einzigartige Fertigkeiten, die in dieser Form keine Nachfolge fanden. Märchen und Mozart - das waren die Quellen ihrer Inspiration. Ihr handwerkliches Können und ihre immer präsente hintergründige Komik bewahren auch die Märchensujets vor dem Abgleiten in unverbindliche Gefühlsseligkeit.

Lotte Reiniger schnitt aus der freien Hand, was in ihrer Fantasie entstand, Blumen, Tiere, Menschen, Märchen- und Fabelwesen. Scherenschnitt und Silhouette wurden zu ihren selbstverständlichen künstlerischen Ausdrucksmitteln: "Meine Hände gehen schon so lange mit der Schere um, dass sie von ganz allein wissen, was sie tun müssen."

Christel Strobel

 

"Bis zuletzt reiste die große und immer jung gebliebene Dame des Films um die Welt, hielt Vorträge und Seminare über ihre Arbeit, eröffnete Ausstellungen ihres Lebenswerkes und arbeitete an neuen Filmen. Unruhe und Naivität waren ihre Motoren, und die Tatsache, selbst ein Stück Filmgeschichte geworden zu sein, nahm sie mit erstaunter Ungläubigkeit zur Kenntnis." (Cinegraph-Filmprogramm Nr. 4, Die Abenteuer des Prinzen Achmed, Filmmuseum Potsdam)

"Ein sanfter Humor prägte ihre poetischen Filme, deren Liebe zum kleinsten Detail die großen und kleinen Besucher in eine Zauberwelt des Fabulierens, Träumens und Lächelns entführten." (Süddeutsche Zeitung, 23.6.1981)